Das Bücherregal

Panorama dal Corso V. Emanuele

Die Meistersinger von Neapel

Eine Stadt—und ihre Troubadoure

Eine kleine , nicht nur musikalische Reise

von Volker Helwing

Der Autor

Volker Helwing wurde am 10.Oktober 1938 in Ostpreußen geboren, wo er auch in den ersten Lebensjahren aufwuchs. Nach sechs Schuljahren in Bad Düben (Sachsen) ging er ab 1951 in Viersen zur Schule und erlangte 1956 in Düsseldorf sein Abitur. Sein Medizinstudium absolvierte er in Köln, Erlangen und München. Er approbierte 1969 und arbeitete dann bis Anfang 1973 im Klinikum „Rechts der Isar“ sowie im Schwabinger Krankenhaus.

Er gründete 1991 zusammen mit einem italienischen Freund das Ensemble „Eco di Napoli“, das zu einem der führenden Ensembles der neapolitanischen Musik in Bayern wurde. Momentan schreibt er  ein Buch zu diesem Thema.

Hier das erste Kapitel:

 

Kapitel 1. Einführung

Napoli ha bisogno non pure di essere descritta, ma di essere spiegata, come città quasi eccezionale d’Italia (AntonioMorano,Verleger) (Man muß Neapel nicht beschreiben, man muß es erklären, als einmalige Stadt Italiens)

..was in Neapel gesungen wird…..ist zumeist weder heiter noch leichtlebig, weder dolce far niente noch romantisch..Das bilden sich meistens nur die Fremden ein….es ist eine Art von Trauer..eine verhüllte Trauer…(Reinhard Raffalt)

Am 1.6.1916 nahm der neapolitanische Tenor Enrico Caruso die Canzone „O sole mio“ auf Schallplatte auf. Seine bis heute unvergleichliche Darstellung des Liedes sorgte dafür, daß ein relativ unbekanntes Lied weltberühmt wurde. Es wurde 1898 geschrieben und verpasste den „Oscar“ der neapolitanischen Lieder, der jedes Jahr beim Liederfestival in Piedigrotta vergeben wurde, und wurde vergessen.
In Carusos Darstellung vernahm die Welt eine Canzone, die von Schmerz , Einsamkeit und Resignation (die Lieder von Piedigrotta sollten von Frohsinn, Frühling und Freude singen ! ) sang und sie nahm ein Kunstlied wahr. Das änderte sich.
1924 bei der Olympiade in Antwerpen suchte der Maestro der Banda verzweifelt beim Einmarsch der Italiener nach den Noten des Marcia reale. Er hatte dann einen „Lampo di genio“ – einen Geistesblitz. Er ließ einfach „O sole mio“ spielen. 40.000 Zuschauer sangen mit, und ein Hit war geboren, der sehr schnell zu einem Schlager wurde und so erfolgreich war, daß er Symbol wurde für Italien, für italienische Mentalität, für blaues Meer und blauen Himmel, ein Schlager für die Pizzeria. Brecht hat sowas  „Abstieg in den Ruhm“  genannt.  Der Bekanntheitsgrad wurde unglaublich, der Text und Carusos Darstellung wurden vergessen. Es blieben die mitreissenden Noten,es wurde das „La Paloma“ Italiens. “Verschlagert“ wurde es endgültig in den endlos tremolierten Fermaten der „3 Tenöre“.
Dabei war „O sole mio“ nur die Spitze eines tönenden,von Musik und Poesie berstenden Berges. 1880 hatte „Funiculì-Funiculà“(das übrigens ein ähnliches Schicksal hatte!) die Ära  der „Canzone Napoletana“ eröffnet. Lieder im neapolitanischem Dialekt, der wie auch die Musik traditionelle Wurzel hatte. Und es fanden sich Poeten und Musiker aller Couleur, Postbeamte und Paradiesvögel, Ignoranten und Intellektuelle, Nobodies und Nobelpreisverdächtige, Maestri und Müßiggänger, Proletarier und Professoren, alle schrieben, alle komponierten, und viele Amateure konnten das aufeinmal! Ein Phänomen! Gargano/Cesarini haben das sehr schön beschrieben:….“das klassische neapolitanische Lied ist eine Verbindung von volkstümlichen Klängen und konservatoriumswürdigen Pentagrammen ,Spontaneität und Kultur-Ladentisch und Lehrstuhl“!
Wohl nicht zufällig entstand das ganze Genre in einer Zeit tiefster neapolitanischer Depression. 1860 wurde Italien vereint, Neapel lief Gefahr seine Funktion als Haupt-Königs-und Kulturstadt zu verlieren. Es lief Gefahr, Provinz zu werden und litt (wie der ganze Süden) unter den Repressalien und Demütigungen des Nordens . Die Sprache des neuen Königs von Italien Viktor-Emanuel von Piemont-Sardinien verstand man in Neapel nicht, sein Premier Cavour war nie dort!

So entwickelte sich unsere Canzone auch als“Sussulto nel Tramonto“ (Gargano)-ein Aufschrei im Untergang, oder auch als “L`incitamento a risorgere“-ein Reiz zum Wiederauferstehn“!(Artieri), gesegnet von Größen wie Croce und Serao. Zwischen 1880 und ca.1960 wurden in mehreren Generationen eine Unzahl von Canzonen geschrieben. Viele sind vergessen, obwohl wunderschön, viele sind bekannt geworden, einige weltberühmt und Symbol für Neapel und den Mezzogiorno geworden. So bekam Neapel sein poetisches und musikalisches Stigma, wie Portugal seinen Fado, wie Spanien seine Zarzuela. So wollen wir auf den Spuren und auf den Flügeln dieser neapolitanischen Kunstlieder, die nach Adorno so „wunderlich zwischen Gassenhauer und Kunstgesang“ pendeln und die nach Mathilde Serao „Klage, fröhliches Lachen,leichtes Lächeln,ein Kuß – also Momente der Verzauberung“ sind, die nach Kesting “innig-nie kitschig,sinnlich- nie vulgär, pathetisch-nie platt sind, deren Jubel nie verlogen, deren Trauer nie weinerlich ist“-so wollen wir also mit diesen Canzonen Neapel etwas entdecken, durch das diese uns einfach führen sollen. Ein Versuch, der neapolitanische Tenor Giuseppe del Duca hilft uns dabei, auch mit den schönen Unbekannten. Buona passeggiata!

 

 

 

Prefazione al secondo capitolo

Come si descrive una città? Come ci si avvicina? La cittá di Napoli è stata visitata e descritta, specialmente nel ‘700 e nell’ottocento, da  innumerevoli ed autorevoli personaggi. Gli approcci sono stati tutti diversi, da Winckelman  a Goethe fino a Walter Benjamin .

Le possibilità sono allora veramente svariate.

Volker Helwing ha scelto un’altra strada. Lui ci fa scoprire Napoli, le sue strade ed il suo popolo attraverso le canzoni classiche napoletane.

È stato nella sua gioventù a Napoli come studente di medicina e gli è capitato qualcosa di fenomenale, come ha scritto Raffaele La Capria : “è stato ferito a morte”!

È stato colpito dalla sirena Partenope e non l’ha più dimenticata.

Ora vi presento il secondo capitolo del suo libro “Die Meistersinger von Neapel”

Buona lettura e buon divertimento.

 

Secondo Capitolo

  • FUNICULI

Verehrter Leser! Unser Weg durch Neapel mit den unsterblichen Canzonen dieser Stadt beginnt etwas mühsam mit einer Bergbesteigung….

Giovanbattista Gallone, Principe di Moliterno war verzweifelt. Wir befinden uns in Castellamare di Stabia im Spätsommer des Jahres 188O.Gallone war die Galionsfigur der Stabieser Gesellschaft, Löwe in fast allen Salons Europas, verwandt mit fast allen großen Dynastien Italiens (sehr eng mit den Pignatelli, die einen Papst stellten) gutaussehend, ein Mann der großen Welt  und jetzt mit einem großen Problem. Und das hatte mit dem Vesuv zu tun. Oh nein, es ging um keinen Ausbruch, nein,  das Problem war viel größer. Im Juni hatte man die Funiculare, die Drahtseilbahn auf den Vesuv, das erste Mal hinaufgeschickt. Mit einem großen Fest. Endlich war sie fertig, die schon seit 10 Jahren geplante Seilbahn, endlich hatten die jahrhundertealten Vesuv Besteigungen zu Fuß, per Esel oder Ross aufgehört, hoffentlich auch die schrecklichen Unfallsgeschichten von verstauchten Knöcheln englischer Ladies, und die waghalsigen Vesuv Eroberungen russischer Adliger.

Natürlich war Moliterno Vorsitzender eines Komitees geworden, das damals im Juni alles regelte. Er machte das mit einer Grandezza und einem Charme, die beim damaligen Funiculareeröffnungsball in der Stabia Hall alle entzückten. Man glaubte ihm, als er  sagte, dass dieses Ereignis die Eröffnung des Suezkanals weit übertrifft.

Nun aber steht er in der Loggia des Hotels Quisisana und wartet voller Verzweiflung und Ungeduld auf seinen alten Freund  Giuseppe Denza, den Besitzer dieses Hotels. Was war  Schreckliches  passiert. Die Wagons der Funiculare blieben leer! Keiner wollte mit- -fahren. Die Zeitungen hatten geschrieben: „È come togliere la poesia al monte …è una profanazione!!(„es ist, als nehme man dem Berg die Poesie, es ist eine Entheiligung“)! Kurz, man schrieb nach wenigen Wochen rote Zahlen! Es nutzte auch nichts, daß Thomas Cook(der Erfinder der Pauschalreisen) für 170.000 Lire die Konzession erwarb. Rote Zahlen! ! In seiner Verzweiflung hatte der Prinz eine zündende Idee.Der Sohn seines Freundes Giuseppe, Luigi, war doch ein berühmter Musiker, er dirigierte in London große Orchester, war dort Gesangslehrer an der Royal Academy, war hier in Neapel Schüler von Mercadante, von unserem großen Mercadante! Dieser hatte u.a. eine Oper “Wallenstein“ geschrieben, die nur deshalb nicht unsterblich wurde,weil der schillersche Held einfach in keine neapolitanische  Opera Buffa passte, aber seine Romanzen sang ganz Italien. Seine berühmten  „Occhi di Fata“(Schicksalsaugen) werden uns  auf unserem Spaziergang noch einmal leuchten.

So fleht der Prinz  also den Vater an, ob der Sohn nicht vielleicht ein Lied schreiben könnte, eine Canzone? Eine, die die Funiculare besingen, gar vergöttlichen könnte?

Der Alte ist begeistert, denn Luigi war gerade aus London  angekommen und: „Stellen sie sich vor, Príncipe! Peppino Turco, der beste Journalist Italiens, ist auch gerade angekommen!“Turco(1846-1903) Gründer und Direktor einer ganzen Reihe von Zeitungen (und später Gründer und Direktor des  neapolitanischen „Don Marzo“) ist in der Tat Gast im Hotel. „Ich kenne ihn. Das, schreit Gallone ganz unadelig laut, das ist unsere Rettung“! Und nun geht alles wie im Rausch. Noch während der Prinz auf die berühmten Männer einredet, schreibt Turco schon die ersten Zeilen auf den Marmortisch des Hotels. Doch halt!  nun kommt auch eine schöne Frau mit ins Spiel. Bianca Sopranzi, die Freundin Turcos. Diese war am Vorabend abgereist (wie alle Schönen war sie ein unruhiger Geist), und Turco ist entsetzlich traurig, denn er ist entsetzlich verliebt. Dann aber hatten Denza und andere Freunde ihn, um ihn etwas aufzuheitern, überredet, eine nächtliche Vesuv- und Sauftour zu machen. Und diese tat ihm gut! Er hoffte berauscht, dem wilden Feuer seiner Geliebten  da oben am Feuer des Berges entronnen zu sein, schon glaubte er bald,  in der Ferne die Lichter Spaniens oder Frankreichs zu sehen. Schon wurde ihm schwindelig da oben, aber er war glücklich da oben, gleichzeitig unglücklich, da er sich nach „unten“ sehnte(nach ihr!) ,kurz,  er hatte  einen Rausch, aber auch eine Vision. Wenn er wieder unten ist, dann wird er sie heiraten! Und in diesen Zeilen, geschrieben auf dem Marmortisch in Castellamare, steht das alles drin.Turco liest das alles laut vor, Luigi Denza(1846-1922) klopft dazu auf demselben Marmortisch mit den Fingern schon die ersten hüpfenden Tarantella Takte des zukünftigen Hits.(dabei inspirierte er sich an einem alten Canto popolare-Lo Zoccolaro-,der Schuhverkäufer, den der große Cottrau einem Verkäufer „vom Mund  abgeschrieben hatte“!)Denza ist schon berühmt, als Romanzenkomponist(mehr als 500Stück!) seine „Occhi di Fata „hatten schon ganz Italien fasziniert- diese „Schicksalsaugen“- werden uns, wie schon gesagt, bald schon wieder anstrahlen. Und er war Dirigent des Orchesters der London Academy, dazu noch Gesang-und Musiklehrer für feine  Leute  in London,dh.er war schon ein gemachter Mann. Aber erst jetzt, das spürt er genau, jetzt, während die Noten aus  seinen Fingern und seinem Herzen nur so entspringen, jetzt wird er unsterblich werden! Wie Recht er hatte!

Nach 24 Stunden ist das Lied fertig:

 

 

 

Neapolitanischer Text

Aieressera, oi‘ ne‘, me ne sagliette,tu saie addo‘? Addo‘ ’stu core ’ngrato cchiu‘ dispietto farme nun po‘!Addo‘ lo fuoco coce, ma si fuiete lassa sta! E nun te corre appriesso, nun te struie,’ncielo a guarda‘!…Jammo ’ncoppa, jammo ja‘,funiculi‘, funicula‘!

Ne’… jammo da la terra a la montagna!no passo nc’e‘!Se vede Francia, Proceta e la Spagna…Io veco a tte!Tirato co la fune, ditto ’nfatto,’ncielo se va..Se va comm‘ ‚a lu viento a l’intrasatto,gue‘, saglie sa‘! Jammo ’ncoppa, jammo ja‘,funiculi‘, funicula‘!

Se n‘ ‚e‘ sagliuta, oi‘ ne‘, se n‘ ‚e‘ sagliutala capa già! E‘ gghiuta, po‘ e‘ turnata, po‘ e‘ venuta…sta sempe cca‘!La capa vota, vota, attuorno, attuorno,attuorno a tte! Sto core canta sempe nu taluorno. Sposammo, oi‘ ne‘! Jammo ’ncoppa, jammo ja‘,funiculi‘, funicula‘

Deutscher Text

Gestern Abend, Mädchen, bin ich hinaufgefahren, weißt Du wohin? Wo dieses undankbare Herz mich nicht mehr kränken kann. Wo das Feuer brodelt, aber wenn ihr flieht, läßt es euch! Es läuft Dir nicht hinterher, es macht nicht müde, in den Himmel zu schauen!… Wir fahren rauf, wir fahren fahren, funiculi, funicula!

Wir fahren von der Erde in die Berge! Ohne einen Schritt zu machen! Man sieht Frankreich, Procida und Spanien…ich sehe Dich! Mit dem Seil hoch gezogen, gesagt, getan – in den Himmel geht’s… man fährt plötzlich wie der Wind, rauf – rauf! Wir fahren rauf, wir fahren fahren, funiculi, funicula!

Er ist hoch gestiegen, Mädchen, der Kopf ist schon hoch gestiegen!(*) Er ist rauf, dann runter, dann ist er zurückgekommen… er ist noch immer hier. Der Kopf dreht sich, dreht sich, um Dich herum, um Dich herum! Dieses Herz singt immer: Heirate mich, Mädchen! Wir fahren rauf, wir fahren fahren, funiculi, funicula!

 

Am folgenden Tag spielt es Denza schon auf dem Klavier, Turco singt es , und der Prinz tanzt Tarantella, die Hotelangestellten tanzen mit , und zum Schluss singt der Chor des Hotels das Lied in alle Welt hinaus.

Diese nahm  es begierig auf, z.B. der Mailänder Verleger Ricordi in sein  Programm, zum Beispiel der berühmte  deutsche Komponist Richard Strauß in seine sinfonische Dichtung“Aus Italien“.  Er denkt bereits, es ist ja  nur ein Volkslied! Fataler Irrtum! Denza strengt einen Copyrightprozeß an, den er gewinnt. Strauss muss ihm für jede Aufführung Tantiemen zahlen.“Funiculi“ war einfach nur schon volksliedhaft bekannt. 1Millionen Exemplare nach einem Jahr(wie 100 Jahre später der Beatle Hit.“ Yesterday“!), und die Funiculare fuhr in die schwarzen Zahlen. Und das klassische neapolitanische Lied, die Canzone Napoletana  d’Autore war geboren. Ein neues Genre! Ca.80 Jahre lang, bis in die 6o-er des 20 Jahrhunderts wird Canzone um Canzone in Dialekt und klassischer Form  nun die Welt begeistern, und wir sind mit unserem Büchlein auf den Spuren dieses kulturellen Phänomens.

 

Und eine neues Lied führt in uns auf diesem magischen Berg

 

 

„Ich komme aus Italien fern

und will euch alles berichten

Vom Berg Vesuv und Romas Stern

Die alten Wundergeschichten“

 

schrieb einst J. von Eichendorff .Einen „ungeheuren Scherbenhaufen“ nannte Jean Paul den Vesuv, Leopardi  ihn einen „Zerstörer“, Goethe und Schiller und viele andere beschrieben ihn. Einige  von ihnen waren nie dort, aber die Faszination wirkte bis in die fernsten Schreibstuben. Die phantastische Germaine de Stael lässt in ihrem Roman „Corinne ou L’Italie“ ihre Protagonisten Oswald und Corinne auf unserem Berg in eine böse Beziehungskrise kommen, da ist er wieder der „Böse“, der „Zerstörer“! Aber ein weiteres Lied hat uns ja hierauf geführt. Der neapolitanische Poet  Libero Bovio (1883-1942)(wir stellen ihn noch in einem eigenen Kapitel besonders vor) und der Musiker Ernesto.de Curtis  beschreiben 1915-die Canzone Napoletana ist als Genre auf ihrem Höhepunkt -,den Berg und die Liebe in ihrer nächtlichen Schönheit. Man weint vor lauter Glück und Liebeskummer in dem schönem Lied „Tu ca nun chiagne“ und findet wieder in Bovios pathetischen Worten zueinander. (Corinne und Oswald leider nicht mehr!)

Comm’è bella ‚a muntagna stanotte!
Bella accussì nun ll’aggio vista maje!
‚N’anema pare rassignata e stanca,
Sott‘ ‚a cuperta ‚e chesta luna janca.
Tu ca nun chiagne e chiagnere mme faje,
Tu stanotte addò staje?

Wie schön ist der Berg heute Nacht !
So schön hab ich ihn vorher nie gesehen.
Die Schwermut drückt mich und macht mich so traurig;
verdeckt und blass ist heut’ der Mondschein.

Du, du weinst nicht, ich aber muss heut’ leiden!
Wo kann ich Dich nur finden?

 

 

Also der Vesuv kann, wenn er will, auch versöhnen!  Vor allem dann, wenn man es so singt wie Caruso, der  diese Canzone, wie so viele andere Canzoni Napoletane, berühmt gemacht hat. Wir kommen auf ihn natürlich auch noch zurück. Ernesto di Curtis(1875-1937) hat die Musik geschrieben, sein Bruder Giambattista war der Poet und Bohemien des berühmten Bruderpaares, das mütterlicherseits mit dem großen und mit dem  (zu Unrecht )heute vergessenen Opernkomponisten Saverio Mercadante  verwandt war. Ernesto war Kettenraucher und gelernter Musikant. Er hat wunderschöne Canzoni  geschrieben u. a. das unsterbliche „Torna a Surriento“-leider führt uns unser Weg nicht nach Sorrent. Er war auch ein begnadeter Pianist, und später der Begleiter des berühmten Tenors Beniamino Gigli in aller Welt.

Man fuhr einst von Neapel am Nachmittag nach Resina (heute Ercolano),traf sich meistens auf einer Piazza mit einem Brunnen-“dei  colli mozzi“, dort mietete man starke Maulesel und kräftige Führer, stieg dann auf ein Pferd oder gleich auf einen Esel, ein Ragazzo trug eine Lampe o.ä. Voraus, und dann ging es in die Nacht und auf den Berg hinaus und hinauf. Diese „gite di notte“ waren abenteuerlich, romantisch—und gefährlich! Nach ca.2 Stunden kam man auf einen zum Meer gelegenen ausgedehnten Vorsprung des Berges,  die Collina del Salvatore. Dort nun gab es eine Hütte und einen Eremiten als Wirt, und was für einen! War es ein Pfaffe, oder ein  Spitzbube? Er  bewirtete mit Brot, Äpfeln, Eier, aber schon der Lacrymae Christi war nicht immer ganz echt, der Eremit halt auch nicht. Ein Kneipenwirt mit der Kutte und der Aura eines Eremiten, da ließ sich aus den erschöpften Bergsteigern  einiges herauspressen, bis der Pfarrer von Resina ca.1850 dem Spuk ein Ende machte und das Geschäft selbst verrichtete, nun frei von Gaunereien, wer weiß?. Ein Aufstieg also voller Gefahren!  neben den Stürzen von Pferden und Mauleseln, neben den tödlichen Unfällen. Den Rest ging man zu Fuß, oft auf allen Vieren, oder wurde an Riemen bis zum Gipfel hochgezogen. Aber der Vesuv musste sein. Auch die Funiculare, wie man sich  jetzt wohl denken kann, deren Talstation bei 1000m lag und die bis 100m unter den Gipfel fuhr.

Heute fährt man von Torre del Greco aus mit dem Autobus oder dem Auto bis auf 1ooom.Die Vegetation ist einmalig, der Blick über Kampanien auch, die waghalsige dichte Bebauung auch(denn der nächste Ausbruch kommt bestimmt),allerdings schaut man immer noch nicht bis Spanien, wie es in unserem Lied heißt. Die Klause ist längst köstliche Historie, aber auf der Colline del Salvatore gab es nun(nur 2km vom Krater entfernt) seit 1841 das „Osservatorio Vesuviano“, es ist heute ein hübsches Archiv, 1965 wurde daneben ein Neubau errichtet, seit 2000 ist das Ganze ein Museum in dem die dramatische Vergangenheit des Berges heute staunenden Schulklassen  als Videofilm und Computeranimation gezeigt wird. Berühmte Vulcanologen als Direktoren wurden damals vom Feuer des Berges geradezu beflügelt (u.a. Luigi Palmieri, der den ersten elektromagnetischen Seismographen erfand, aber vor allem Giuseppe Mercalli, Erfinder der Erdbebenskala),aber auch „befeuert“ wie Palmieri, der 1872 im „Osservatorio“ aushielt, obwohl ihn Lavamassen mit unglaublichen Hitzegraden umgaben.(Er bekam später dafür einen Orden !).

Heute hat die  Universität Neapel ihren Finger am Puls des Vulkans, in sicherer Entfernung und mit großer Genauigkeit. Der Vesuv wird ausbrechen, in 50, 500, 1000 Jahren?  Erfrischungen gibt es immer noch, aber jetzt mit unzähligen Andenken und dem heute üblichen touristischem Aplomb abgezockt  aber wird auch immer noch! Von hier geht man dann eine Stunde, und ist oben.

Seilbahn und die folgenden Sessellifte wurden durch Ausbrüche des Berges zerstört, die Fama unseres Liedes nicht. Mit verändertem, bayrischen Text (Turco hätte sich im Grabe umgedreht!) aber immer noch mit dem zündenden, hüpfenden 6/8-Tarantaellarythmus zwingt es die Besucher des Münchner Oktoberfestes auch noch als “toter Fisch“ 140-Jahre später auf die Biertische!

Übrigens: 1952 plante man wieder eine Funiculare. Man wollte auch unbedingt wieder einen Lied dafür haben, Einsendungen gab es viele, aber die Jury konnte sich nicht einigen, alle hatten noch „Funiculi“ im Ohr. Man  verzichtete auf die Projekt-Magie einer Berges-Magie, einer Melodie! “Funiculi“ eröffnete den Liedercyclus der sog. Canzone Napoletana, die bis heute das Leben und den Tod der Neapolitaner mitbestimmt.

Wie sagte Giuseppe Marotta, Neapels innigster Beschreiber der  Nachkriegszeit,  1963 so schön?: “Wie hieß doch die Canzonetta, die die Leute sangen damals ,1902, als ich geboren wurde? Während die Frauen uns unter Schmerzensschreien  zur Welt brachten, tönte immer eine andere Stimme, unten von der Gasse, hinter der Zimmerwand, oder neben dem Bett(die Hebamme!), die immer eine Canzonette, wenn nicht singt, so doch zumindest trällert. Wenn ich langsam einmal ins Grab sinke, sollen über diesem die Noten von „Funiculi“ explodieren“!