start: 19:00 hrs
end: 20:30 hrs
location: Instituto Cervantes - Alfons-Goppel-Strasse 7 - 80539 München
Powerpoint Präsentation
Referent: Klaus Kempf, Ltd. Bibliotheksdirektor a.D. / Staatsbibliothek
Italien ist das an Kulturschätzen reichste Land der Erde. Dazu gehören auch die Bibliotheken und ihre historischen Sammlungen. Das Belpaese verfügt über eine reichgegliederte Bibliothekslandschaft. Es gibt so gut wie keine Stadt in Nord- und Mittelitalien, die nicht eine prächtige Stadtbibliothek ihr eigen nennt. Sie ist das eigentlich „Gedächtnis der Stadt“. Sie beherbergt in ihren i.d.R. jahrhundertealten Mauern wertvolle Handschriften und Drucke, ja ganze Privatbibliotheken und -archive sowie zahlreiche andere Materialien, die der Bürgerstolz dort angehäuft hat. Dazu kommen in vielen Orten nicht weniger prächtige staatliche Bibliotheken, die i.d.R. die Nachfolgeeinrichtung von vormaligen Hof- bzw. Palastbibliotheken bedeutender Adelsgeschlechter sind – erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Biblioteca Estense in Modena – oder von den vormaligen Grund- und Territorialherren zum Nutzen der eigenen Untertanen als „öffentliche Bibliotheken“ eigens eingerichtet worden waren (Beispiel: Biblioteca Queriniana in Brescia). Last but not least dürfen die bedeutenden kirchlichen Bibliotheken, wie z.B. die Biblioteca Ambrosiana in Mailand, nicht unerwähnt bleiben.
Doch diese Pracht ist ernsthaft bedroht. Seit geraumer Zeit kommt der italienische Staat und mit ihm die jeweiligen nachgeordneten Gebietskörperschaften nur noch sehr zögerlich und vor allem in einem bei weitem nicht ausreichenden Maße ihren Unterhaltsverpflichtungen nach. Über Jahrzehnte wurden insbesondere die staatlichen Bibliotheken, d.h. die direkt dem Kulturministerium in Rom nachgeordneten Bibliotheken förmlich ausgehungert. Selbst die beiden sog. zentralen Nationalbibliotheken in Rom und Florenz sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Noch viel dramatischer sieht die Lage in der Provinz, in den Mittelstädten wie Modena, Parma, aber auch in dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes, Mailand aus (zitiert sei hier das Beispiel der Biblioteca Braidense). Die neuen, aus der immer rasanter verlaufenden digitalen Revolution herrührenden Herausforderungen können diese Bibliotheken nicht im erforderlichen Maße annehmen. Im Gegenteil. Sie sind einer zunehmenden Musealisierung im negativen Sinne unterworfen, d.h. sie können ihre Informationsfunktion nur noch äußerst ungenügend wahrnehmen und prunken allenfalls noch mit ihren Altbeständen (Zimelien) in oftmals einmaligen historischen Räumen. Es ist ein Sterben in Schönheit oder gibt es doch noch eine Rettung in größter Not?