„Von den Nationalitätenkonflikten zur Autonomie – eine Geschichte Südtirols von 1809 bis zur Gegenwart“

15. März 2024
start: 19:00 hrs
end: 20:30 hrs

location: Instituto Cervantes - Alfons-Goppel-Strasse 7 - 80539 München

Vortrag

Referent: Dr. Stefan Winter

Eine erste Ahnung vom Freiheitssinn der Tiroler erfuhren die Bayern, nachdem sie 1805 im Preßburger Frieden dieses Gebiet als Napoleons Verbündete erhielten.

Ein Widerstand gegen Maßnahmen, die mit einer neuen Verfassung die traditionellen Rechte außer Kraft setzten, formierte sich unter Andreas Hofer 1809, der mit seiner Hinrichtung in Mantua 1810 endete.

Die Aufteilung Tirols auf Bayern, das neue Königreich Italien und Illyrien unter französischer Herrschaft wurde auf dem Wiener Kongress 1815 mit der vollständigen Übernahme wieder durch Österreich nur kurz durchgeführt.

Die Revolution 1848 führte zu liberalen Gesetzen, italienische Vorstöße in Südtirol brachten zum ersten Mal die Nationalitätenfrage hier und im Trentino zur Tagesordnung. Auch Verbesserungen und die Einführung des Zensuswahlrechts konnten Spannungen nicht beenden.

Italiens Kriegseintritt 1915 auf Seiten der Entente band Frankreich und Großbritannien an ihr Versprechen, bei einem Sieg über Österreich-Ungarn die Grenze Italiens bis zum Brenner auszudehnen, was im Frieden von Saint-Germain 1919 auch geschah. Mit der Annexion 1920 wurde unter Tolomei eine massive Begünstigung der italienischen Einwohner betrieben, Zuwanderungen aus dem Süden vollzogen, in Bozen 1935 eine Industriezone errichtet und in den Schulen die italienische Sprache hervorgehoben, die deutsche Sprache verboten. Gegen diese vom Faschismus getragene Politik wandten sich Österreicher unter Gamper mit ihren „Katakombenschulen“. Das Umsiedlungsabkommen von 1939 zwischen Hitler und Mussolini sollte viele deutschsprachigen Einwohner zum Auswandern aus Südtirol bewegen. Nach dem Sturz des Duce besetzte die Wehrmacht dieses Gebiet, baute es als Alpenvorland aus.

Nach 1945 stießen Forderungen Österreichs nach einer Wiedervereinigung mit Südtirol zunächst auf Interesse bei den Briten, mit dem Pariser Frieden 1946 wurde den deutschsprachigen Einwohnern aber nur eine Autonomie versprochen.

Erste Verhandlungen zwischen Gruber und de Gasperi konnten in langjährigen Folgen mit drei Statutenregelungen 1969, 1971 und 2001 befriedigende Kompromisse bringen. Unterbrochen wurden sie durch terroristische Bombenanschläge von Sympathisanten einer Angliederung an Österreich in den 60iger Jahren, die UN-Vollversammlung und der Europarat diskutierten 1959 bis 1961 über dieses Thema, begleitet von Demonstranten 1957 in Sigmundskron.

Seit 1995 unterhalten Südtirol und das Trentino mit Tirol ein gemeinsames Büro bei der EU, die Geschichtswissenschaft forscht über Gemeinsamkeiten der beiden Völker, Personenkontrollen wurden 1998 an den Grenzen aufgehoben.

Gleichwohl bleiben Spannungen erhalten, die „Alleanza Nazionale“ fordert den Schutz der Italiener, in Meran und Bozen finden als Antwort nationalistische Kundgebungen statt. Dennoch waren die Schritte von Kreisky, Moro und Prodi zukunftsweisend.